Zwei.

Mein liebes Haselmädchen..
es ist ganz seltsam für mich, dass heute bereits wieder dein Geburtstag sein soll. Umso mehr, weil ich heute ähnlich rund bin wie ich es unmittelbar vor deiner Geburt vor zwei Jahren war und diese Zeit damals mir plötzlich wieder so unglaublich nah ist.. Ich muss mich in manchen ruhigen Minuten daran erinnern, dass es nicht du bist, die da in meinem Bauch herumfuhrwerkt, sondern dein Geschwisterchen.
Auch dieses zweite Jahr mit dir ist im Nu verflogen wie das erste – ja, fast noch schneller. Wir haben so viel erlebt, du bist so sehr gewachsen, und doch kann ich kaum glauben, dass ein ganzes Jahr vergangen sein soll seit deinem ersten Geburtstag und zwei seitdem du in meinem Bauch warst..

Ich weiß noch, wie ich mir anfangs, in der ersten Zeit mit dir, so intensiv gewünscht habe, du mögest bitte nicht altern, nicht wachsen, dich  nicht verändern, für immer das Baby bleiben, das du in dem Moment warst. Und jeden Tag wieder war ich überrascht, dass es NOCH schöner und noch wunderbarer mit dir wurde, und jeden Tag konnte ich mir aufs Neue nicht vorstellen, dass es dafür noch eine Steigerung geben sollte.. aber es war so und es ist so, und nun bin ich so froh und dankbar dass du meinem Wunsch nicht gefolgt bist, denn was hätte ich nicht alles verpasst! Du warst ein sehr süßes Baby, aber du bist ein noch wunderbareres Kleinkind geworden, und ich wundere und freue mich weiterhin jeden Tag wieder über dich und dein Wachsen. Mit jedem Tag lerne ich dich weiter und besser kennen, kristallisiert sich dein Charakter weiter heraus und eignest du dir neue Dinge an. Und es fühlt sich so wunderbar an, dich dabei begleiten zu können.
Ja, natürlich ist es fordernd und anstrengend. So anstrengend und fordernd wie es eben ist, wenn man 12-13 Stunden am Tag allein für einen andern Menschen verantwortlich ist, der für so viele Dinge noch Hilfe braucht, aber sehr wohl schon einen ganz eigenen Kopf, eigene Wünsche und Vorstellungen hat. ABER es ist auch bereichernd, es ist lustig, verrückt und unglaublich erfüllend mit dir. Und jedes Mal, wenn du dich plötzlich aus heiterem Himmel lachend in meine Arme wirfst und deine Ärmchen um mich legst, wenn du mich ansiehst mit diesen Augen, die so viel älter sind als du und aus denen plötzlich alles Glück und eine tiefe, weise Liebe strahlt, habe ich das Gefühl es kaum fassen zu können, was mir mit dir geschenkt wurde. Auch jetzt, nach zwei Jahren, schaue ich dich täglich wohl zwanzigmal an und kann es kaum glauben, dass du da bist, dass du du bist, dass du in mir gewachsen sein sollst und dass dafür nicht mehr nötig war als zwei winzig kleine Zellen und ein wenig Geduld und Glück. (Streng genommen waren dafür auch diverse Hormonspritzen, medizinisches Gerät und ein ganzes Team an medizinischem Personal und Biologen nötig, aber auch das erscheint wenig, wenn man das Ergebnis bedenkt.)  Und oft, so oft, sitze ich nur versonnen da und schaue dir zu wie du spielst und erzählst und herum hüpfst und lachst und spüre einfach nur dieses Leuchten und die Wärme, die dein Dasein in mir hervor ruft. Ich bin so froh. Du hast mir so gefehlt. So sehr, so sehr! Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann sitze ich fast genauso oft da und schaue dir zu und fühle eine furchtbare, klamme, eiskalte Furcht, dass ich dich wieder verlieren könne, dass dich etwas aus meinem Leben reißt, dass irgendein grausames Ereignis, ein Unfall, eine Krankheit, dich mir wieder nehmen könnte, für immer, und allein schon der Gedanke ist so furchtbar, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Vielleicht war ich zu lange ein unglücklicher Mensch um jetzt dem Schicksal noch trauen zu können. Und deshalb sage ich dir oft, dass ich dich lieb habe, deshalb kann ich dir nie böse sein, deshalb kann nichts was du tust mich so nerven oder ärgern dass ich mein Glück vergesse.

Du bist das Geschenk aller Geschenke
Seit ich dich kenne
Trag ich Glück im Blick

(H.Grönemeyer)

Mein liebes Haselmädchen, heute bist du zwei Jahre alt. Und ich bin dankbar für jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick dieser zwei Jahre, ich bin dankbar und froh deine Mutter sein zu dürfen, und ich liebe dich von ganzem Herzen für alles was du bist. Und auch wenn sich hier in naher Zukunft einiges ändern und wahrscheinlich komplett auf links drehen wird: DAS bleibt.

Deine Mama,
die sich dieses Jahr leider dadurch ausgezeichnet hat, dass sie deinen Geburtstagskuchen im Ofen verkohlen ließ. Ich gelobe Besserung.

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„Die schwarze Katze mögt das gerne nicht“ – Spracherwerb 21 Monate

Diesen Beitrag habe ich Ende Juni begonnen, aber aus Zeitmangel nicht fertig geschrieben. Ich veröffentliche ihn jetzt eben einen Monat später, sehr viel getan hat sich in den letzten Wochen eigentlich eh nicht 🙂

„Die schwarze Katze mögt das gerne nicht“, „Schwarze Katze darf nicht Stuhl sitzen!“ – solche ausgefeilten Sätze hören wir zunehmend häufiger von dir. Jeden Tag wieder schaue ich verblüfft und überlege, ob das gerade wirklich so aus deinem Mund kam und wie das eigentlich kommt..
Spracherwerb ist ja DAS Thema, was mich entwicklungstechnisch am meisten interessiert (und ich ärgere mich jetzt umso mehr, dass ich im Studium kein Seminar dazu besuchen konnte), und ausgerechnet in diesem Bereich bist du eine richtige Rakete. ❤ Ich finde das so spannend, ich könnte eigentlich täglich einen Blogbeitrag dazu verfassen – aber erstens komme ich nicht dazu und zweitens würde ich damit wahrscheinlich jeden anderen zu Tode langweilen. Aber wenigstens jetzt – du bist 21 Monate –  nehme ich mir das mal heraus und schreibe einfach alles auf was mir dazu auf- und einfällt. Ich weiß, jetzt ist es viel, was du kannst, aber das wird sich im Laufe der Jahre relativieren und irgendwann sprechen alle Kinder eigentlich so ziemlich gleich gut und es passiert nicht mehr viel Neues, dann gibt es auch nichts mehr in dieser Kategorie zu berichten, es sei denn vielleicht aus der Kategorie „Kindermund“.. 😉

Du warst sechs Monate alt, als du anfingst „Mama“ zu mir zu sagen. Ich habe das nie so richtig gewürdigt. Egal, wo ich nachlas, überall stand eindeutig: Kinder in dem Alter können nicht gezielt „Mama“ sagen, das passiert zufällig. Ungerichtet. Ich wollte mir da nichts einbilden, daher habe ich das auch so geglaubt. Dabei hast du, wenn du es sagtest, immer nur mich angesehen, das hätte mir zu denken geben sollen.. und einen Monat später konntest du auch „Papa“ sagen und hast das ebenfalls nur beim Anblick deines Vaters getan.. Aber was „ungerichtet“ bedeutet, das habe ich erst über ein halbes Jahr später bei anderen Kindern beobachtet.
Im Nachhinein bin ich etwas traurig, dass ich diesen kostbaren Moment – das erste „Mama“ – nicht als das wahrgenommen habe, was es war. Seitdem denke ich in Bezug auf Literatur, Spracherwerb und dich: nimm nicht alles so hin, was da geschrieben steht.
Da steht nämlich auch, dass Kinder erst mit etwa (ich glaube) drei Jahren anfangen, Artikel zu verwenden. Ja, ha. Das tust DU aber eigentlich schon seit.. so ziemlich von Anfang an. Die unbestimmten Artikel („ein“, „eine“) waren zwischenzeitlich mal für eine Weile verschwunden, jetzt sind sie wieder da. Aber „der“, „die“, „das“ – das konntest du gleich mit den ersten richtigen Wörtern. Nicht immer verwendest du das korrekte Geschlecht, aber hey, das zeigt mir eigentlich nur, dass du nicht einfach nur etwas nachplapperst, sondern tatsächlich grammatischen Regeln folgst – auch wenn die sich noch nicht in aller Vollständigkeit in deinem Kopf gebildet haben.
Und du flektierst. Zunehmend.
Mit der Pluralbildung hat das angefangen, da warst du knapp 18 Monate. Von vielen Wörtern kennst du bereits die korrekte Mehrzahl (beim Schwimmen zeigtest du tatsächlich in der Umkleide auf die dort liegenden Wickelunterlagen und sagtest: „Da, Betten!“ …. ich bin mir sehr sicher, in deiner Gegenwart dieses Wort nie verwendet zu haben, aber mit Sicherheit hast du es irgendwo aufgeschnappt), wo du sie nicht weißt, bildest du sie nach eigenem Gutdünken (meistens per Plural-S).
Mit 13 Monaten begannst du, Gegenständen einzelnen Personen zuzuschreiben (Mama, Papa, Oma,…), seit einiger Zeit tust du das nun auch – wenn du willst – im Genitiv: „Papas Stuhl“, „Mamas Pulli“, „[Haselmausens] Puppe“. Manches ist dann aber eben auch „der Papa-Stuhl“ oder „die Oma-Jacke“. 😀
Immer öfter verlangst du nicht mehr „ein Keks haben“, sondern „einEN Keks haben“, und auch die Adjektive (von denen du für dein Alter ECHT viele kennst, Hut ab!) passt du wirklich schon ausgesprochen oft korrekt in Geschlecht und Zahl an.
Und ganz besonders auffällig ist es bei den Verben: bis vor kurzem hast du noch ganz typisch jederzeit den Infinitiv verwendet, und das tust du auch nach wie vor recht häufig, wenn du keine vollständigen Sätze bildest, meist wenn du Wünsche äußerst, was du tun möchtest. „Draußen rumlaufen“, „Mama-Stuhl sitzen“, „Joghurt essen“, usw. Aber immer öfter – in den letzten Tagen wirklich überraschend oft – bildest du auch andere Formen. „Mama näht noch“ sagst du dann, oder „die Katze isst“ oder „da kommt Papa“ oder „Mama liest ein Buch“. Oder morgens, wenn du darauf bestehst dich selber zu waschen und im Stehen versuchst den feuchten Waschlappen auf deinem Bauch abzulegen, stellst du jedes Mal wieder erstaunt fest: „Hält nicht!“
Und du sprichst tatsächlich immer häufiger auch in der Vergangenheit! Da erzählst du mir zum Beispiel, dass du „mit Oma schaukeln wesen“ bist, oder „Katze Ball runter worfen hat“. Oder, der Dauerbrenner im Moment, irgendjemand „wollte [xy] nicht!“ (Besonders gerne weckst du mich morgens mit dem Satz: „Mama wollte nicht schlafen!!“ …okay, ein Tag könnte schlimmer beginnen.)
Außerdem sprichst du von dir nicht mehr ausschließlich in der 3. Person Singular, immer öfter bist du tatsächlich „ich“ und handelst auch entsprechend. („Bin total nicht müde!“ 😀 ) Und andere Personen sind auch häufiger mal „du“ und werden auch sprachlich so behandelt. Mit den Possessivpronomen hast du allerdings noch häufiger etwas Probleme, da verwechselst du oft noch „mein“ und „dein“, sowie „unser“ und „euer“..
Dein Satzbau, dein ganzer Ausdruck wird generell immer elaborierter. Du wünschst dir oft nicht mehr einfach „Brot“, sondern „Brot mit Marmelade bitte“. Dann sitzen wir am Tisch und du sagst: „Die Birne mit scharfe Messer schneiden, Mama!“ …und was soll ich sagen? Ich tu’s. 🙂 Es ist einfach eine Freude, dass du dich so gut ausdrücken und deine Gedanken, Vorstellungen und Wünsche so genau äußern kannst. Das macht das Leben mit dir sehr einfach.
Kürzlich hatten wir zum Beispiel den Fall, dass du plötzlich die Treppe zum Wohnzimmer nicht mehr alleine hochkrabbeln wolltest (richtig gehen kannst du sie noch nicht, die Stufen sind zu hoch für deine kurzen Beine). Dein Vater und ich unterstellten dir schon Faulheit, bis wir endlich mal auf die Idee kamen, dich nach dem Grund zu fragen.. und der lautet: „[Haselmaus] Angst hat. Große Loch ist, reinfallen!“ Und ja, da haben wir es dann verstanden. Die Stufen sind offen, man kann zwischen ihnen durch den Boden sehen, und ich bin ehrlich gesagt fast ein wenig erleichtert, dass dieser Blick in die Tiefe dir Angst macht. (So ist nämlich meine Sorge, dass du oben von der Sofalehne aufs Geländer kletterst und dann auf die Treppe stürzt, deutlich gelindert..)
Und da du eigentlich permanent redest und praktisch alles aussprichst, was du wahrnimmst oder was dir gerade durch den Kopf geht, verstehe ich meist auch ganz gut, was du dir da vorstellst, wenn du mal wieder mitten im Symbolspiel bist.
Wenn du zum Beispiel im Zimmer hin und her läufst, dich dann demonstrativ auf den Boden setzt, einen imaginären Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger hältst und ihn in den Teppich bohrst, wäre ich ohne deine Worte, dass du nun einkaufen fährst, dir einen Einkaufswagen holst und dafür einen Chip einlegen musst, ZIEMLICH aufgeschmissen. Und so haben wir beide Freude daran. Oder wenn du dir aus dem Bettzeug auf dem Gästebett ein Auto baust und damit in den Wald fährst und da den Tiger triffst, der „einfach im Baum rum hängt“. Du erlebst so viele Abenteuer im Moment, und es ist so wahnsinnig schön, dass ich das meiste davon miterleben darf, einfach weil du deine Fantasien in Worte ausdrücken kannst.

Besonders hoch im Kurs steht bei dir übrigens im Moment das Thema „Verneinungen“. Seit einer ganzen Weile höre ich eigentlich 24/7 nur noch, was ich/die Katzen/der Papa/eine beliebige Person in deinem Blickfeld alles NICHT kann/darf/soll/will. Kaum nehme ich etwas in die Hand, heißt es sofort: „Nein, Mama NICHT [wasauchimmer es gerade ist]!“ Ich darf nicht sitzen, nicht stehen, nicht essen, nicht „Augen tu machen“. Die Katzen dürfen nicht schlafen. Der (völlig fremde) Junge darf (in seinem eigenen Garten!) NICHT am Baum stehen. Und schon gar nicht dürfen irgendwelche Kinder auf dem Spielplatz irgendwas, was du ihnen auch unmissverständlich klar machst. (Hier bitte peinlich berührten „Affe hält sich die Augen zu“-Emoji einfügen) Ich gebe zu, es ist manchmal schon recht ermüdend und anstrengend. Auf der anderen Seite sind wir bisher von größeren Wut- und Trotzanfällen deinerseits verschont geblieben, Schimpfen reicht dir meist (bis jetzt jedenfalls).

Dein Wortschatz. War und ist ein Kapitel für sich. Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde ich sagen: jenseits von Gut und Böse. Wörter zu zählen habe ich ja vor einiger Zeit endgültig aufgegeben und macht auch wirklich überhaupt keinen Sinn mehr. Welches Wort auch immer du benötigst, du benutzt es. Sei es die Rohrzange, die Nacktschnecke oder WASAUCHIMMER. Du verwendest völlig selbstverständlich Verben wie „purzeln“, „wirbeln“, „herumlungern“ oder „nachdenken“. Du unterscheidest ein Dutzend Pflanzenarten (Butterblumen, Pusteblumen, Klee, Farn, Sonnenblumen, Weizen, Gras, Gänseblümchen, Tulpen, Rosen, Lavendel, Seerosen,…) und sämtliche Obstbäume, sowie Laub- und Nadelbäume, du erkennst und benennst Huhn, Hahn und Küken, Wal und Hai, generell alles was da kreucht und fleucht, sämtliche Kleidungsstücke, Körperteile und Lebensmittel. Mittlerweile benutzt du ständig Wörter wie „eigentlich“, „vielleicht“, „trotzdem“, „nämlich“, „und“, „oder“, „aber“, „immer“, „manchmal“, wenn auch manchmal in abenteuerlichen Konstruktionen – dein Satzbau ist nämlich zuweilen noch etwas wirr, was ich aber ehrlich gesagt nicht verwunderlich finde, wenn man bedenkt dass du zum Teil mit sieben, acht, neun Wörtern jonglierst. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum du oft „stotterst“. Ich weiß nicht, ob das so ganz der richtige Begriff dafür ist, aber man merkt, wie sich während des Sprechens in deinem Köpfchen die Zahnrädchen drehen, und während dein Hirn noch die Wörter sortiert kommt aus deinem Mund oft für zwei, drei Sekunden nur „t-t-t-t-t…“. Noch klingen deine Äußerungen auch oft recht „abgehackt“, man merkt einfach, dass dein Kopf noch hart daran arbeitet ein Wort ans andere zu fügen, gerade bei den längeren oder komplizierteren Äußerungen. Aber ab und zu „fließt“ doch ein völlig (oder fast ganz) korrekter Satz über deine Lippen, und zwar so dermaßen flüssig und selbstverständlich, dass ich dann schon ein wenig irritiert bin.
Ich bin sehr gespannt, was du uns in den nächsten Wochen und Monaten spracherwerbstechnisch noch so servieren wirst und freue mich schon wahnsinnig darauf. Und weißt du, was ich besonders schön finde? Dass wir uns richtig unterhalten können und du so viel von dem, was in deinem Kopf und Herz vor sich geht, preisgeben magst. Ich liebe deine Geschichten und deine Ideen, du kleines verrücktes Huhn, du!
(Heute sagtest du plötzlich: „Weiß nicht ob die Matte weg ist im Wald. Mal hinfahren, gucken!“ – und ich rätsele immer noch, was du eigentlich mit „Matte“ meinst.. 😀 )

Stundenblume

Zeit für den Mittagsschlaf. Du schlummerst in meinem Arm ein, ich möchte dich wie sonst in dein Bett legen und davon eilen, die halbe Stunde nutzen für all die Dinge, die so dringend getan werden müssen und von denen ich nicht weiss, wie ich sie sonst bewältigen soll: Putzen, aufräumen, Schränke sortieren (damit du bedenkenlos alles bespielen kannst), Papierkram, Telefonate, Wäsche, Nähprojekte… Und dann schaue ich einmal mehr auf dein schlafendes Gesicht, spüre das angenehme Gewicht deines noch so kleinen und doch schon so großen Körpers, die Wärme, die von ihm ausgeht, betrachte die dichten langen schwarzen Wimpern, und das alles, die ganzen Pläne mit ihrer Dringlichkeit, der Stress, die Zeitnot, sie fallen von meiner Seele wie draußen die Blätter von den Bäumen. Nichts ist so wertvoll, so besonders, rein und kostbar wie diese Zeit mit dir, und wenn ich jetzt gehe wird sie verloren sein, unwiederbringlich. Vielleicht ist dann der Boden sauber, die Wäsche gefaltet und der Schrank ordentlich, aber ich werde mich nicht erholt haben, und das Schlimmste: ich werde dieses Lächeln verpasst haben, das gleich im Schlaf so sachte und entspannt und friedlich auf deinen Lippen liegen wird.
Vorsichtig lasse ich mich auf die Matratze sinken, breite die Strickdecke über uns beiden aus. Du atmest ruhig, hältst meine große Hand mit deinen beiden kleinen fest an deine Wange gedrückt. Ich spüre wie eine große Ruhe sich auf mich herab senkt. Und da ist es, das Lächeln. Auf deinen Lippen und auf meinen.

Eins.

Mein Mädchen.
Ich möchte dir so viel sagen.
Ein Jahr alt bist du heute. Es war ein langes Jahr. Es war ein unsagbar kurzes Jahr. Es war ein unendlich schönes Jahr. Es war ein Jahr voller erster Male. Es war ein Jahr voller Wunder. Es war ein Jahr voller Tränen – aber eigentlich immer waren es Tränen des Glücks. (Außer von deiner Seite. Da waren es auch schon mal Tränen des Hungers, Tränen des Schmerzes, Tränen des Missmuts, Tränen der Ungeduld, Tränen der Enttäuschung, Tränen des Ich-mag-keinen-Breis, Tränen des Plötzlich-Aufwachens, Tränen des Wieso-darf-ich-das-nicht-Haben?s, Tränen des Mama-Vermissens, Tränen des Ich-weiß-selbst-nicht-wieso-aber-ich-bin-traurig …. Aber all diese Tränen konnte ich zum Glück stets sehr schnell trocknen. ❤ )
Es war ein Jahr, wie ich es mir oft vorgestellt habe und mir doch nie hätte vorstellen können.
Es war ein Jahr, von dem ich gerne leugnen würde, dass es jetzt vorbei ist. Ich wünschte es könnte ewig währen.
Es war ein Jahr, in dem du unglaublich viel gelernt hast. Weinen. Lachen. Dich zu drehen. Zu robben. Zu krabbeln. Dich zu setzen. Aufzustehen. Zu laufen (noch nicht frei, aber immerhin an allem entlang, an dem du dich festhalten kannst). Zu reden (ein Halbdutzend erste Worte ❤ ). Zu klatschen, zu winken, zu zeigen. Zu flirten. Zu küssen und zu streiten. Abzuhauen, wenn man dir die Windel auszieht. Alle Baby-Schwimmkurs-TeilnehmerInnen von oben bis unten unter Wasser zu setzen. Anderen Babys das Spielzeug zu entwenden. Streiche zu spielen. Unsinn zu treiben. Katzen zu streicheln.
Du hast gelernt, wie sich Baumrinde anfühlt. Wie man mit den Händen spricht. Wie man die Puzzlematte auseinander nimmt. Wie man mit dem Löffel isst. Wie man aus dem Becher trinkt. Wie man um noch eins und noch eins und noch ein Stück Wurst bettelt.
Du hast gelernt, dass du Bücher liebst. Dass Katzen sehr raue und sehr kleine Zungen haben. Dass Kühe sehr raue und sehr große Zungen haben.Dass die Mama bereit ist, sich unzählige Male immer wieder nach dem gleichen Gegenstand zu bücken, den du zu Boden wirfst. Dass du kitzelig bist. Dass der Papa kitzelig ist. Dass dir keiner einen Wunsch abschlägt, wenn du nur intensiv genug strahlst. Dass Backenzähne ziemlich schmerzhaft sein können. Dass Zähne an sich aber ziemlich praktisch sind. Dass man Berge von Spielzeug  und trotzdem mehr Spaß an Mamas Bücherregalen haben kann. Dass du Elefanten magst und Eulen. Und Katzen. Dass man sich an Schubladen die Finger einklemmen kann. Dass du allein aus dem Bett/vom Sofa steigen kannst (Füße zuerst!). Dass man in der Babyschale wippen und schaukeln kann. Dass es Spaß macht, Vorräte in Mamas Ausschnitt zu bunkern. Dass du unwiderstehlich bist.
Es war ein Jahr, in dem ICH unglaublich viel gelernt habe. Über dich. Über mich. Über uns. Über das Leben. Über das Glück. Über die Angst, eben dieses Glück wieder zu verlieren.
Es war ein Jahr, in dem die Zeit still stand und ein Jahr, in dem sie raste. Es war ein Jahr. Unser Jahr. Dein Jahr.

Mein Mädchen.
Ich möchte dir so viel sagen.
Darüber, wie lange ich von dir geträumt und wie sehr ich dich herbei gewünscht habe. Wie du schließlich auf dem Weg zu uns warst. Wie sehr ich mich gefreut und wie ich es genossen habe. Wie oft ich in den letzten Tagen, Wochen, Monate daran zurückgedacht und mir gewünscht habe, das alles einfach immer wieder und wieder erleben zu können, wie eine CD, bei der man immer noch einmal und noch einmal und noch einmal die Zurück-Taste drückt, wenn die letzten Töne des Lieblingssongs verklingen. Ich würde dir so gern erklären, was für eine Freude es war, als du zu uns kamst. Wie mein Herz seitdem in einem anderen Takt schlägt. Wie es dich vermisst, wenn ich dich nur einen Moment aus den Augen verliere. Wie es von dir ganz ausgefüllt wird – von dir mit deinen Eigenheiten, mit deinen Sternenaugen, mit deinem Lachen und deinen Eigenheiten, deinem Zorn, deinem Ungestüm und deiner Ungeduld, deinen winzigen Händen, mit denen du nachts plötzlich mein Gesicht streichelst.
Ich möchte dir sagen, dass jeder Moment, seitdem du hier bist, ein Wunder war, war ich auch noch so müde, erschöpft oder hilflos.
Ich möchte dir so viel sagen, aber was sollst du jetzt mit all diesen Worten? Statt dessen werde ich gleich, wenn ich neben dir im Bett liege, dir sacht übers Haar streichen und dir einen Kuss auf die Wange hauchen. Und dann werde ich deine Hand halten, durch die ganze lange Nacht.

300 Tage / 9 Monate, 3 Wochen, 6 Tage ODER Also sprach Zarathustra.

Meine liebe Haselmaus, heute hast du es wirklich geschafft. Du machst mich sprachlos. Denn du sprichst! Heute hast du dein erstes richtiges Wort – nach „Mama“ und „Papa“ – gesagt. Mehrmals. Und im passenden Kontext. Deshalb gehe ich davon aus, dass du weißt, was du tust. ❤
Das ist unglaublich. Ich könnte heulen. Irgendwie berührt mich das so viel mehr als alles, was du an motorischer Entwicklung erreicht hast. Du sprichst! Mein kleines, großes Mädchen. Von jetzt an steht dir eine neue, große Welt offen.

Ach ja: was dieses erste Wort war? Völlig klar, wie es sich für eine Maus gehört: „Ka – tze.“ ❤ ❤ ❤

Mein Name ist Bonding. No Bonding. (Geburtsbericht, fünfter und letzter Teil)

Puh. Ich weiß, damit hat jetzt keiner gerechnet – dass ich wirklich, tatsächlich irgendwann (nach über 7 Monaten!) noch einmal zum Geburtsbericht zurückkehre. Wahrscheinlich hätte diesen Eintrag niemand wirklich vermisst. Wie die eigentliche Geburt lief, hatte ich ja auch bereits in aller Länge und Ausführlichkeit geschildert (wer es nochmal nachlesen will: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4). Allerdings ist damit – für mich – die Geschichte noch nicht zuende. Im Gegenteil. Dies ist der Teil, der mich am meisten beschäftigt, das, was mir auch nach über einem halben Jahr noch nachhängt. Bis hier hin war es eigentlich (trotz aller Qualen und Unerfreulichkeiten) eine (irgendwie doch) schöne Geburt, mit deren Verlauf ich mich durchaus arrangieren kann und konnte, auch, wenn ich nach wie vor nicht unbedingt ein Kaiserschnitt-Fan bin und alles für eine ganz stinknormale spontane Geburt gegeben hätte. Die Sectio war irgendwie nötig (ich kenne ein Kind, das nach vorzeitigem Blasensprung und spontaner Entbindung dann erstmal wegen zu hoher Entzündungswerte auf Intensiv musste, auch nicht toll), ich habe und hatte keine Angst, wenn an und in mir herum geschnippelt wird, passt scho‘, bitte weiter im Text… ABER mit der eigentlichen Entbindung ist eine Geburt eben noch nicht vorbei.
Was jetzt folgt, ist mein Bemühen, etwas in Worte zu fassen, das mich nun sieben Monate sehr beschäftigt hat und vermutlich auch noch eine Weile beschäftigen wird; etwas, das mir weh tat und weh tut und irgendwie immer noch wie ein tauber Fleck auf meiner Seele liegt. Es fällt mir nach wie vor sehr schwer, das aufzuschreiben – eben weil das alles irgendwie noch wund und roh ist und Zeit zum Heilen braucht. Ich habe diesen Eintrag wohl schon tausend Mal begonnen, zweitausend Mal von Grund auf umgeschrieben und ebenso oft dann doch abgebrochen. Ich MUSS es aber aufschreiben, irgendwie. Um es zu verarbeiten, schätze ich. Um endlich ein Pflaster auf die Sache kleben zu können. Um nach über sieben Monaten im Hier und Jetzt anzukommen.
Aber es macht mich ebenso auch verletzlich. Wenn ihr das lest, werdet ihr vielleicht denken: „Heilige Jungfrau Maria und ein Walross mit Schnupfen – die stellt sich aber an!“ Oder: „SO schlimm ist das doch jetzt auch nicht.“ Oder: „Also ich hab Schlimmeres erlebt!“ Und wahrscheinlich habt ihr sogar Recht damit. Wahrscheinlich stelle ich mich an. Wahrscheinlich ist es gar nicht so schlimm. Und es haben wohl sehr viele Frauen leider wirklich Schlimmeres erlebt (erleben MÜSSEN) und haben das trotzdem gut verpackt (oder auch nicht) und machen nicht so ein Trara darum. Das kann und möchte ich gar nicht bestreiten. Aber wie gesagt: MICH beschäftigt es, ich muss es verarbeiten, ich tue das hiermit an dieser Stelle und hoffe, dass meine Leser es mit gutem Willen und Nachsicht aufnehmen. (Danke schonmal.)
Puh. Also.

Hätte mich jemand gefragt (komisch, hat nie jemand.. egal), während der Schwangerschaft oder auch schon davor, worauf ich mich an dieser ganzen Schwangerschaftssache am Allermeisten freue, dann hätte ich nicht gesagt: darauf, den Herzschlag im Ultraschall zu sehen. Oder: das Geschlecht zu erfahren. Oder: den ersten Schrei zu hören.
Nein, ich hätte gesagt, dass ich schon immer, immer, immer von diesem wunderbaren Moment geträumt habe, wenn mein Kind – warm, blutig, glitschig und zerknittert nach der langen Reise – unmittelbar, nachdem es meinen Bauch verlassen hätte, mir nackt auf eben diesen gelegt werden würde. Dieses winzige Bündel, Haut auf Haut, die Wärme und Nähe, dieser magische Moment, in dem man dieses so herbeigesehnte und gewünschte wunderbare Wesen in seiner Unberührtheit mit allen Sinnen endlich erfassen darf, dieser Augenblick des zeitlosen Kennenlernens, wenn die beiden Herzen – das große und das kleine – so ganz nah beieinander schlagen und man nun mit bebenden Fingern sachte über die zarte, noch feuchte Haut und das verklebte Haar auf dem winzigen Köpfchen streichen kann. Die ersten feinen Bewegungen im Außen auf dem eigenen Körper zu spüren statt in ihm. Dieses Begreifen, das Kennenlernen, das Wiedererkennen. Ein Moment, so dachte ich, der einem den Atem nimmt, der heilig ist und einen völlig ausfüllt, der ewig währt und doch viel zu kurz.
Das hätte ich gesagt. Und das sage ich noch heute. Diesen Moment habe ich so sehr herbei gesehnt und wollte ich für alle Zeiten bewahren.

Leider haben wir diesen Moment nicht bekommen. Denn es wurde ein Kaiserschnitt und ein Bonding im OP war nicht vorgesehen.

Ich kam, frisch zusammen geflickt (wie lang das gedauert hat? Ich weiß es nicht.) zurück in den Kreißsaal, und da war sie: meine Tochter. Frisch gebadet. Angezogen. Zusätzlich noch in ein Handtuch gewickelt. Mit Mütze. Und ich, nach dem langen Tag und der langen Nacht, den Schmerzen nach Einleitung und Wehentropf  noch immer völlig weggebeamt, habe sie nur kurz angesehen wie sie im Arm meines Mannes lag – und schlief ein.
Die Batterien waren leer. Ich war kaputt, durch, völlig erledigt. Man sollte erwarten, dass durch den Anblick meines wunderbaren Kindes irgendwelche Kraftreserven mobilisiert werden würden, die Erschöpfung wie weggeblasen wäre, tausend Synapsen feuerten, ein Hormonfeuerwerk durch meinen Körper tobte, alles sofort vergessen wäre und ich so wach wie man sonst nur durch 3 Liter Kaffee intravenös ist… War aber leider nicht so. Eher im Gegenteil. Es war, als hätte jemand unerwartet und völlig unvermittelt die allerletzte Kerze ausgeblasen. Das Licht ging aus.
Und ging erst eine oder zwei Stunden später wieder an.
Und dann lag ich da in meinem Bett, am linken Arm eine automatische Blutdruckmanschette, rechts einen Tropf, mit Blick auf die Tür, und konnte mich nicht rühren. Und wenn ich mich so weit es nur irgend ging verrenkte, konnte ich ganz hinten im Augenwinkel meinen Mann erkennen, der in der Ecke auf einem Sessel saß und die Haselmaus im Arm hielt. Beide schliefen. Und waren so unendlich weit weg. Hunderttausend Lichtjahre weit, in einem anderen Universum. Ich war allein. Ohne mein Kind.
Ich rief meinen Mann an, er solle doch bitte aufwachen. Die Sehnsucht war so groß. Hätte ich nur wenigstens ihr Gesicht sehen können! Aber ich sah nur ein Handtuchbündel. Ich fühlte mich leer, hilflos, einsam und verlassen. Mein Mann schlief. Niemand war da. Sicher muss da irgendwo so ein Klingelknopf gewesen sein, der sofort jemanden auf den Plan gerufen hätte – aber irgendwie funktionierte mein Kopf noch nicht wieder richtig, ich war immer noch benebelt, mit Tunnelblick, weggebeamt, nicht ganz bei mir  (und dieser Zustand sollte sich noch ein paar Tage halten).
In diesem Schwebezustand verbrachte ich eine unendlich lange Zeit, wie mir schien. Wahrscheinlich waren es nur zwei oder drei Stunden, aber ich empfand sie endloser und auf eine Art schmerzhafter als die zuvor unter pausenlosen Wehen verbrachte Zeit.
Irgendwann hielt ich sie dann im Arm. Eingepackt wie sie war. Stillte sie. Sah nur ihr Gesicht. War völlig überwältigt. Es war brüllend heiß im Kreißsaal. Ich kam nicht auf die Idee, sie und mich auszuziehen und richtig mit ihr zu kuscheln – dass diese Möglichkeit überhaupt bestünde war mir nicht im Entferntesten bewusst und niemand war da, der mich daran erinnert hätte. Ich hielt sie, aber eigentlich hielt ich ein Bündel Stoff mit einem kleinen, roten Gesicht. Augen, Nase, Mund. Mehr war sie nicht. Und trotzdem so wunderschön.

Wir wurden auf Station gebracht. Ich hielt sie, und hielt sie, und hielt sie. Wie eine Ertrinkende habe ich mich an dieses winzige, wunderbare Wesen geklammert, konnte den Blick nicht von ihr lösen und wusste doch gar nicht, wie sie aussah. Unter ihrer Mütze, unter Handtuch, Strampelhose, Wickelhemd und Body. Hat sie in diesen Tagen je mehr von meiner Berührung auf ihrer bloßen Haut gespürt als meinen Zeigefinger, der vorsichtig ihre Wange oder später einmal ihr Händchen streichelte? Nein.
Am zweiten Tag kamen meine Eltern zu Besuch, ich hielt das Haselkind im Arm, als sie das Zimmer betraten. Einer der ersten Sätze meiner Mutter war, ich müsse die Kleine doch „auch mal ablegen, sonst gewöhnt sie sich dran“. Ich möchte das nicht weiter kommentieren. Meine Mutter macht sich wirklich erstaunlich gut als Oma, aber dieser Kommentar bricht mir heute noch bei jedem daran Denken das Herz. Einige Stunden später – das Haselkind wurde mir seit der Geburt alle vier Stunden für eine Zeit entführt, um untersucht zu werden, nur zur Sicherheit – brachte eine Schwester mir meine Tochter wieder, zusätzlich in einen dicken wollenen Strampelsack und in eine noch dickere Mütze gehüllt. Sie sei leicht unterkühlt gewesen.
Von diesem Augenblick an lebten mein Mann und ich für Wochen und Monate in der ständigen Angst, das Kind könne frieren. Es ist irrsinnig, aber wahr.
Am vierten Tag durfte ich sie zum ersten Mal selber wickeln. Im Wickelraum am andern Ende des langen, langen Flures. (Dieser Gang war mit der frischen Naht am Bauch ein Horror. Werde ich nie vergessen.) Sie lag auf dem Wickeltisch und ich zog sie aus, bewunderte zum ersten Mal ihre winzigen, bloßen Füße, streichelte sie vorsichtig – und mein Mann wurde ungeduldig, ich solle nicht so trödeln, das Kind würde ja frieren (ja klar, unter dem heißen Heizstrahler…). Ich wollte den Anblick meines Kindes in mich hineintrinken, mich daran sättigen.. und wagte es dann doch nicht. Ich packte sie in ihre unzähligen Kleidungsschichten und schlich zurück mit ihr aufs Zimmer.
Am fünften Tag wurden wir entlassen. Ach, hätte ich nur ein Mal getraut, sie nackt auf meine Haut zu legen. Sie richtig zu spüren. Aber immer: die Angst, sie könne frieren. Und eine seltsame Furcht davor, sie durch meine Berührung zu verletzen.
Ich habe gelesen, dass Mütter, wenn sie ihre neu geborenen Kind auf die Brust gelegt bekommen, dieses in einer ganz bestimmten Reihenfolge betasten, alle Körperteile nach und nach erfassen, erst ganz zum Schluss das Köpfchen. Ich glaube, wir brauchen diese Berührung, um uns in die Wirklichkeit zu holen. Um anzukommen. Um unser Kind als real, als UNSERES zu erfahren.
Drei Monate habe ich gebraucht, bis mir eines schönen Abends schlagartig bewusst wurde, dass ich das Köpfchen meiner Tochter streicheln DARF. Dass ich das überhaupt KANN. Dass es real ist. Dass es gut ist. Dass es richtig ist. Dass sie MEIN ist. (Ich weine.)
Versteht mich nicht falsch. Ich liebte sie vom ersten Augenblick an wie verrückt. Jeder Moment mit ihr war ein Wunder. Ich hielt sie fast pausenlos im Arm, ganz nah bei mir. Aber immer in Wiegehaltung, den Blick auf ihr Gesicht gerichtet (das einzige, was mir wirklich vertraut war an ihr, das Einzige, was real war). Sie war wie ein heiliges Wesen, unberührbar, so nah und doch so fern. So schön und doch so unwirklich. Und das Schlimmste war, dass ich mir zunächst gar nicht bewusst war, dass es hätte anders sein können, dürfen, müssen. Ich war zu überwältigt, zu sehr verliebt, zu verträumt. In den ersten Tagen und Wochen hat mir dieser erste magische Moment, von dem ich oben schrieb, nicht einmal wirklich gefehlt. Sie war da, das war alles, was zählte. Sonst hätte ich mit meiner Hebamme darüber gesprochen. Aber ich war glücklich.
Erst nach und nach ging mir auf, dass da eine wunde Stelle war. Mir fiel auf, dass sie nicht auf meiner Brust liegen mochte. Beim Stillen nicht Bauch an Bauch. Sie lag auf meinem Arm, auf meinem Schoß, auf dem Rücken, völlig entspannt und auch durchaus zufrieden, aber sie schmiegte sich nie an. Ich sagte mir, dass sie das vielleicht noch gar nicht können müsse. Dass das vielleicht noch käme. Sie ließ sich immer gut und schnell von mir beruhigen. Lächelte schon in den ersten Lebensstunden ihr wunderschönes Engelslächeln, und schon sehr bald auch mich gezielt an, erkennend. Aber nie lehnte sie ihr Köpfchen an mich.
Ich war hin und her gerissen. Einerseits. Andererseits. Alles ist gut. Nichts ist gut. Mein Kind ist gesund, mein Kind liebt mich. Mein Kind hat zu wenig Zuwendung von mir bekommen. Mein Kind weiß nicht, wie sich seine Mutter anfühlt. Mein Kind hat in seinen so wichtigen ersten Stunden und Tagen nie die liebenden Hände seiner Eltern auf sich gespürt.
Fast drei Monate war sie alt, als ich es endlich wagte, sie einmal nackt auf meine Haut zu legen, um mir ihrer so bewusst zu werden. (Das klingt irgendwie pervers? Ich weiß auch nicht.)
Wenn wir sie badeten, begann sie jedes Mal schrill und gellend zu schreien, wenn wir sie aus der Wanne hoben. Schnell, schnell, sie friert, schnell abtrocknen und anziehen! …lange hat es gedauert, bis ich auf die Idee kam, meinen Oberkörper zu entkleiden, sie aus der Wanne direkt in meine Arme zu nehmen und dann erst das Handtuch um uns beide zu legen. Das erste Mal war wie ein elektrischer Schock. Da erst war sie wirklich geboren, da war sie bei mir angekommen. Ich hielt sie fest und sie war ruhig und plötzlich war alles gut.
Ich habe gelernt, sie zu streicheln, zu küssen, sie zu umarmen.
Vor ein paar Tagen dann legte sie plötzlich ihre Ärmchen um meinen Hals und drückte ihr Gesicht fest an mich. Immer wieder. Kuschelte sich an mich. Und ich weinte. Weine jetzt auch, weil es mir wieder schmerzlich bewusst wird, wie sehr mir das eigentlich fehlte und wie wichtig das für mich war.

Und jetzt, wo ich mich hier sozusagen vollkommen nackig gemacht habe und langsam wieder die Furcht in mir aufkeimt, dass das jemand lächerlich finden könnte, möchte ich schließen.
Ich möchte nur eines noch sagen: ich fühle mit allen Müttern mit, die ihre Kinder nach der Geburt nicht gleich im Arm halten dürfen. Die, deren Kinder dringend medizinisch versorgt werden müssen. Die, die sie vielleicht Tage, Wochen, Monate nur in einem Inkubator betrachten dürfen. Ich war nur sehr, sehr kurze Zeit von meiner Tochter getrennt, und es war kein Notfall. Trotzdem hat es für mich, für uns, einiges zerstört. Ihr, die ihr zugleich noch um das Leben eures Kindes bangen müsst – ich empfinde eine große Ehrfurcht vor eurer Tapferkeit. Ihr seid Löwinnen. Und ihr seid die besten Mütter, die sich eure Kinder nur wünschen können. Und das werden sie wissen – auch wenn sie nicht in ihren ersten Lebensminuten eurem Herzschlag lauschen durften – und sie werden euch lieben für jeden Moment, den ihr ohne sie aushalten müsst, für sie.

Ich schicke das hier jetzt ab. Bevor ich es mir doch wieder anders überlege.

Weißt du noch

Mein liebes Haselmädchen,
Weißt du noch, wie du entstanden bist? Unter dem Mikroskop, in einer Petrischale, in einem Labor. Nicht wie andere Kinder gezeugt in der warmen Geborgenheit des Mutterleibs, sondern weit, weit entfernt von mir und deinem Papa. Statt meinen Eileiter zu durchwandern ruhtest du in einem Brutschrank, und während andere Kinder das Licht dieser Welt erst neun Monate später empfangen, warst du ihm schon zu Beginn deiner Existenz schutzlos ausgesetzt.
Weißt du noch, wie du zu mir kamst, gemeinsam mit einem Geschwisterchen, das dir vielleicht nur wenige Momente Gesellschaft leistete? Weißt du noch, wie es war, als du dort Wurzeln schlugst? Als dieses Band geknüpft wurde zwischen dir und mir, das dich 9 Monate lang mit allem versorgte, was nötig war? So oft ich deinen Nabel sehe, berühre ich ihn sacht, hauche einen Kuss darauf. Dies ist der Punkt, an dem du und ich verbunden, durch den wir EIN Wesen waren. Die sichtbare Schnur ist durchtrennt, aber eine unsichtbare wird für immer ihren Platz einnehmen. Du bist meine Tochter, herangewachsen, genährt und geboren aus meinem Körper, und das ist ewig.
Weißt du noch, wie du zunächst nur ein winziger Fleck warst, ein Knäuel sich rasant vermehrender Zellen? Weißt du noch, wie dein Herz begann zu schlagen, und wie ich es von außen betrachten durfte, noch nicht recht fähig zu begreifen, dass DU das werden würdest?
Weißt du noch, wie dir Gliedmaße wuchsen und du begannst, dich zu bewegen? Wie du so schwerelos träumend in deiner Höhle vor dich hin schwebtest, träge tanzend zum Rhythmus meines Herzens?
Weißt du noch, wie du mir Klopfzeichen gabst, einen unverwechselbaren Morsecode: Hier-bin-ich, hier-bin-ich, hier-bin-ich?
Weißt du noch, wie du immer in die Matratze getreten hast, wenn ich auf der Seite lag? Weißt du noch, wie sich meine Hand anfühlte, wenn sie dich von außen sachte streichelte? Weißt du noch, wie wir wegen vorzeitiger Wehen im Krankenhaus waren, wie ich abends im Kreißsaal am CTG hing und dachte, vielleicht kämst du jetzt schon zur Welt? Und wie wenig Angst ich dabei hatte, weil tief in mir das Gefühl herrschte, dass alles gut werden würde? Weißt du noch?
Weißt du noch, wie die Fruchtblase sprang, mitten in der Nacht? Wie unwirklich das war und wie wenig aufgeregt wir beide? Weißt du noch, wie wir ins Krankenhaus fuhren und wie mir noch immer nicht klar war, was es bedeutete? Weißt du noch, wie wir uns durch die Wehen kämpften, Stunde um Stunde? Weißt du noch, wie es plötzlich hell und kalt um dich wurde, als sie dich aus meinem Leib holten? Weißt du das noch?
Weißt du noch, wie sie dich mir vor Augen hielten, einen Moment nur, bevor sie dich fort brachten? Weißt du noch, wie mein Gesicht aussah? Hast du die Liebe in meinem Blick gelesen?
Weißt du noch, wie dein Vater dich wusch? Du weintest. Das weiß ich von einem Foto.
Weißt du noch, wie du endlich das allererste Mal in meinem Arm lagst, so klein, so gut verhüllt und nur dein Gesicht war zwischen all den Schichten Stoff winzig und hilflos zu erkennen? Weißt du noch,wie die erste Milch schmeckte, als sie dick und warm in deinen Mund rann? Weißt du noch, wie ich dich hielt und hielt und nichts mehr wusste auf der Welt als dein Gesicht?
Weißt du noch, wie dieses unglaubliche Engelslächeln sich auf deinen Lippen anfühlte, wenige Stunden nach der Geburt?
Weißt du noch, wie du in den ersten beiden Nächten weintest, weil alles so anders und fremd war?
Weißt du noch, wie wir schließlich heim fuhren, wir beide nebeneinander auf der Rückbank, wo ich zuvor noch mit dir im Bauch gelegen und das Blinzeln der Baumwipfel studiert hatte? Weißt du noch, wie anders dieses Haus aussah, bevor du hier einzogst? Weißt du noch, wie sich der erste Spaziergang anfühlte? Wie die Sonne vom Himmel strahlte an einem Tag im Herbst?
Weißt du noch, wie du sehen lerntest und strampeln und lachen? Weißt du noch, wie du anfingst zu plaudern? Wie du mich das erste Mal mit einem Lächeln begrüßtest? Weißt du noch, weißt du noch?

So viel haben wir bereits gemeinsam erlebt. Ob du dich noch daran erinnerst, wird dein Geheimnis bleiben, doch ich weiß, dass diese Erinnerungen dich irgendwann verlassen werden, so wie sie uns alle verlassen. Aber ich, ich möchte mich für dich erinnern. Die Momente bewahren, so kostbar und einzigartig. Lass es mich dir erzählen, mein Kind. Oder lies sie selbst, lautlos, in meinen Blicken, meinem Lächeln, meinen Berührungen. Du weißt, was ich dir sagen möchte. Diese drei Worte, die so groß sind und doch so schnell daher gesagt. Du weißt es.

Ich wollte wie Orpheus singen.

Mein liebes Haselmädchen.

An dieser Stelle hätte so viel stehen sollen. So viele Worte der Liebe und Dankbarkeit. Du bist heute ein halbes Jahr. (Ein halbes JAHR!) alt geworden. Und es ist so viel passiert in diesen sechs Monaten mit dir; so viel Neues, Wundersames, Berauschendes, Verblüffendes und Liebenswertes. Ich hätte so gerne Worte gefunden dafür (ich glaube, ich bin ganz gut im Worte finden), ich hätte so gerne diesen Tag ein wenig feierlich mit dir begangen. Leider ist mir das Leben dazwischen gegrätscht. Eine fiese, fette Erkältung hat mich im Griff und hat mir – und dir – heute so richtig gelungen den Tag versaut. Kopf- und Gliederschmerzen, Schnupfen, Kratzen im Hals, ununterbrochen tränende und extrem lichtempfindliche Augen, Puddingknie… das sind nicht die besten Voraussetzungen für einen ganz besonderen Tag, oder?

Du warst heute so unglaublich lieb. Als ob du verstanden hättest, wie schlecht es mir ging und dass ich dringend Ruhe brauchte, hast du nicht ein einziges Mal geschimpft. Du hast – entgegen deiner sonstigen Angewohnheit – so viele Nickerchen mit mir gemeinsam gehalten, ungewohnt eng in meinen Arm geschmiegt, dein kleines Händchen sacht auf meiner Brust. Du hast, wenn ich dich auf dem Arm trug, den Kopf ganz vorsichtig an meine Schulter gelehnt und mich aus deinen rätselhaften Augen ganz verständnisvoll angesehen. Manchmal staune ich wirklich, wie erwachsen du sein kannst, mein kleines, großes Mädchen.
Du liegst nun bereits im Bett und schläfst, ich habe – mit schlechtem Gewissen – eine angeblich stilltaugliche Schmerztablette eingeworfen (das heißt: eigentlich nur eine halbe) und werde nun gleich selbst ins Bett fallen. Es ist traurig, aber ich werde diese Nacht nicht neben dir liegen, sondern nebenan im Gästezimmer, und der Papa wird allein deinen Schlaf bewachen. Vergangene Nacht haben wir uns einfach nur gegenseitig wach gehalten: immer, wenn du eingeschlafen warst, musste ich husten, niesen oder Nase putzen, dann warst du wieder wach. Immer, wenn ich gerade in einen fiebrigen Schlaf gefallen war, wurde ich durch dein Jammern sofort wieder heraus gerissen. Das sparen wir uns heute. Aber ich werde das Babyphon neben mir stehen haben und wenn du Hunger bekommst, oder Sehnsucht, oder Angst vor der Dunkelheit, dann bin ich in wenigen Sekunden bei dir. Versprochen.

Mein Mausekind. Ich schreibe diesen Eintrag, obwohl mir gerade der Schädel platzt und mir das Licht aus dem Monitor die Tränen in Sturzbächen über die Wangen fließen lässt. Ich schreibe ihn deshalb, weil du es verdienst. Weil du das großartigste Kind bist, das mir hätte geschenkt werden können, und ich jeden Tag mit dir feiere. Aber du verdienst auch eine gesunde Mutter, die in der Lage ist, sich jeden Moment hingebungsvoll um dich zu kümmern. Und deshalb, ja, deshalb gehe ich nun ins Bett.

Haselmops: Vier Monate Haselprinzessin

Ich poste das jetzt einfach. Liegt seit drei Wochen auf Halde. Demnächst ist schon der Fünf-Monats-Eintrag fällig und da sollte dieser ja wohl durch sein!

 

Und schon ist wieder ein Monat rum. Die Zeit rast. Jeden Abend frage ich mich, wo denn der Tag wieder hin ist, jedes Wochenende schaue ich verdutzt aus der Wäsche – es war doch gerade erst Montag? – und an jedem 26. eines Monats kriege ich ein wenig Gänsehaut: mein Baby wächst und wächst und wächst.

Was hat sich im vergangenen vierten Lebensmonat getan?

– sie wird immer gesprächiger. Ein richtiges kleines Plappermaul. Kaum, dass sie morgens die Augen aufschlägt, erzählt sie schon die ersten Romane. Stundenlange Monologe sind an der Tagesordnung und dabei freut sie sich zwar, wenn ihr jemand zuhört und gelegentlich antwortet, aber ansonsten ist sie eben selbst ihr bester Zuhörer. Schön ist, dass nicht nur die benutzten Laute immer stärker (auch in der Lautstärke) variieren, sondern dass sie ihre Stimmungen damit ausdrückt. Statt, wenn sie etwas ärgert, direkt loszubrüllen, wird nun erstmal gemault, genölt, gemeckert. Gute Laune hört man ihr ebenso an wie schlechte. Sie kann frech klingen oder begeistert oder missmutig. Hilflos und neugierig. Und manchmal legt sie ihren Kopf an meine Schulter und gibt diese leisen, zärtlichen Geräusche von sich, die nur an mich gerichtet sind. In diesen Momenten tut mir alles weh vor Liebe.

Um jetzt nicht wieder endlos kitschig zu werden: vielleicht noch eine kleine Anekdote? Kürzlich saß ich morgens mit ihr im Bett und alberte mit ihr herum, da wurde sie zwischenzeitlich kurz still. Und dann… „Ma-ma!“ klang es klar und deutlich aus der kleinen Schnute. Ich bin fast rückwärts von der Matratze gekippt.
Zum Glück weiß ich, dass das ein Glückstreffer war. Sie ist noch zu klein um bewusst zu sprechen, auf ihr erstes richtiges Wort werden wir hier noch ein ganzes Weilchen warten müssen (und selbst diese gedoppelten Silben sind eigentlich noch gar nicht dran. Macht sie sonst auch nicht). Es war ein Zufall, der sie diese Lautkombination bilden ließ – weiter nichts. Aber es hörte sich unglaublich entzückend an. Rückblickend. Im Moment des Geschehens war es fast etwas gruselig. 😛

– wo wir schon gerade beim Thema „Bett“ und „Schlafen“ sind: Sie schläft noch immer brav. In der Regel 12 Stunden. In den letzten Tagen allerdings auch gelegentlich weniger. „Nur“ 10 Stunden. Als mir das kürzlich mal ganz geschmeidig von den Lippen ging, war es mir im gleichen Moment schon peinlich. Klingt schon irgendwie doof, oder? Ähem. Letzte Woche wurde sie tatsächlich zwei oder drei Mal morgens gegen fünf wach um kurz zu trinken und anschließend eine Runde zu plaudern. Dann durfte sie mit bei mir im Bett liegen und schlief nach einer kurzen Weile seelenruhig noch einmal für zwei oder drei Stunden ein, ihr kleines Händchen in meiner Hand oder sachte auf meiner Wange liegend. So schön. Ich muss auch gestehen, ich mag es, wenn sie so früh Hunger hat. Denn das erspart mir das Abpumpen. Wenn ich die Wahl habe zwischen zehn Minuten im Bett Stillen (wenn auch nicht im Liegen, weil sonst alles komplett in Milch getränkt wird) und aufstehen-Licht anmachen-pumpen-Milch wegschütten-wieder ins Bett dackeln… dann gewinnt das Stillen mit ziemlich großem Vorsprung. Sorry.
Sie schläft nun also nachts etwas weniger und will gelegentlich nochmal eine Mahlzeit. Das ist fein. Dafür schläft sie auch ab und zu mal tagsüber ein Stündchen. Zwar oft nur auf meinem Schoß/Arm und am liebsten nuckelnd an der Brust (dazu vielleicht demnächst mehr), aber: sie schläft. Gut, ich kann dann die Zeit eben meist nicht „nutzen“. Manchmal wurmt mich das schon ein wenig, wäre es doch die perfekte Gelegenheit, mal das ein oder andere im Haushalt in Ruhe zu erledigen, oder mir selbst mal was zu gönnen: eine ruhige Tasse Tee, ein paar Kapitel in einem Buch lesen, ein bisschen basteln, Mails schreiben, bloggen.. (was hier noch alles auf Halde liegt, unglaublich. Unter anderem immer noch die Award-Sachen. Peinlich.) Das alles geht nicht so wirklich. Bloggen könnte ich übers Handy, aber ich finde es unbequem und nutze es höchstens für kurze Beiträge. Also sitze ich da und schaue statt dessen mein schlafendes Kind an. Und dann denke ich manchmal: eigentlich ist das alles Quatsch. Ich kann mich doch sowieso nicht an ihr satt sehen. Statt zu lesen würde ich doch – selbst wenn ich die Wahl hätte – vermutlich eh wieder mit dem Blick an ihr hängenbleiben. Ich komme einfach nicht von ihr weg. Schwerst verliebt, immer noch. Und wie lange werde ich sie noch schlafend im Arm halten und anschauen können? Ein paar Monate, Jahre.. dann wird das eines Tages vorbei sein und niemals wieder kommen. Und dann wird es mir fehlen. Also: Scheiß auf das Buch, auf den Tee, auf die Mails. Ich liebe diese ruhigen Momente mit meiner Tochter, ihr schlafendes Gesicht, die warme, träge Masse ihres ruhenden Körpers, ihren gleichmäßigen Atem, die kleinen Finger, die sie oft genug um die meinen geschlossen hält. Und es ist auf eine Weise schön, dass ich eine perfekte Ausrede habe, um diese Momente ganz mit ihr auszufüllen und sie nicht für etwas anders aufzugeben.

– aufmerksam ist sie geworden. Vor allem wenn ich an die ersten Wochen zurück denke. Da ist so vieles, was sie nun aufmerksam betrachtet. Die Katzen werden nun interessant. (Auch zum Thema Katzen möchte ich noch bloggen, demnächst, irgendwann.) Der Papa (und ich natürlich) wird mit einem Lächeln begrüßt. Bücher, Küchengeräte, Autos, die draußen die Straße entlang fahren: plötzlich alles todspannend! Das Sofa-Mobile hat dafür nun langsam ausgedient; daran hat sie sich satt gesehen. Das über dem Laufstall geht aber noch, und das am Wickeltisch erst recht. Auch Spielzeuge sind jetzt deutlich interessanter. Der OBall mit der Rassel zum Beispiel. Der ist toll – manchmal SO toll, dass sie sich darüber schlapp lacht. Wütend wird sie aber manchmal, weil der doofe Ball sich einfach nicht in den Mund stecken lässt. Verräter! Sie probiert es trotzdem energisch weiter. Irgendwann wirds schon klappen!
Das mit dem Greifen geht jetzt auch schon richtig gut und meist recht zielsicher. Plötzlich streckt sie auch interessiert nach allem die Hand aus, was ihr ins Auge fällt – und motzt, wenn sie es nicht bekommt. Sie betrachtet die Gegenstände, wenn sie sie in Händen hält, eingehend. Lutscht sie ab (jetzt doch). Betastet, befühlt, be-greift die Dinge. Das ist wunderschön zu beobachten, ich kann mich daran gar nicht satt sehen. Wie selbstverständlich gibt sie nun auch Gegenstände von einer Hand in die andere.

Dafür hat sie das Drehen – zumindest mit der ursprünglichen Methode (Beine hoch, umkippen) zunächst wieder aufgegeben. War ihr wohl zu umständlich, langweilig, anstrengend.. wer weiß. In Bauchlage hält sie es (endlich!) zunehmend länger aus und staunt manchmal richtig, was sich da so alles entdecken lässt. Allerdings wird es ihr noch immer sehr plötzlich alles zu blöd und dann ist aber die Hölle am Brennen! Da wird geschimpft und gebrüllt, dass mir die Ohren klingeln. Es hilft auch nichts, sie dann einfach wieder auf den Rücken zu drehen, sie hochzunehmen oder ablenken zu wollen. Da hilft nur Stillen. Oder Wickeln. Denn auf dem Wickeltisch ist sie glücklich. Da kann sie dann – egal wie mies ihre Laune vorher war – auch plötzlich drauflos lachen und sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude. Und das liebe ich. ❤ …mal abgesehen davon, dass ich dann auch selber lachen muss, weil sich ihr Lachen manchmal einfach wirklich zu lustig anhört. Wie ein verrücktes Eichhörnchen. 😛

– das mit dem Spucken wird wirklich langsam besser. Wir müssen nicht mehr unzählige Male am Tag den Schlabberlatz austauschen. Auch der wirklich beängstigende Spucktuchverbrauch der vergangenen Monate ist mittlerweile Vergangenheit. Eins am Tag reicht. (Und ich durchnässe auch nicht mehr bei jedem Stillvorgang eines. Hurra!) Na gut, manchmal sind es auch zwei. Aber es ist überschaubar.

– Wir sind ein richtig gutes Team geworden, sie und ich. Ich hatte in den ersten Wochen oft Sorge, dass da irgendwas nicht so ganz funktionieren könnte, da das mit dem Bonding am Anfang nicht so ganz ideal war (dazu dann aber mehr im letzten Teil des Geburtsberichtes, den ich irgendwann hoffentlich wirklich noch poste). Aber jetzt mache ich mir da keine Gedanken mehr. Dass ich sie abgöttisch liebe, ist eh klar – und wenn ich mir anschaue, wie positiv sie auf mich reagiert, wie schnell und problemlos sie sich meist von mir beruhigen lässt (sie schreit ja gern mal wegen irgendwas los, aber eben nur kurz), dann muss ich mir wohl echt keine Sorgen machen, was sie wohl von mir hält..
Auch wenn der Papa nach Hause kommt, freut sie sich sehr, und sie albert auch gern mal mit ihm herum. Allerdings ist bei schlechter Laune meist doch nur die Mama richtig.
Sie reagiert aber auch fröhlich und aufgeschlossen auf andere Menschen – Freunde, Verwandte, Bekannte, aber auch völlig Fremde – und flirtet und lacht mit ihnen. Ich weiß, dass das in ein paar Monaten (wenn sie anfängt zu fremdeln) wieder ganz anders aussehen kann, aber für den Moment freue ich mich sehr darüber.

– Sie ist gut im Futter. Wohlgenährt. Hamsterbäckig. Babyspeckig. Eine kleine Pummelfee. Und das nur vom Stillen! Bei der zweiten Impfung vor einer Woche wog sie gut 6,7 kg. Wahrscheinlich hat sie mittlerweile die 7-Kilo-Marke geknackt. Seit ein paar Tagen ziehe ich ihr nun die ganzen wunderschönen 68er-Klamotten an, von denen ich vor jedem ersten Anziehen denke: Mannomann, das ist doch viel zu groß! Sie wird drin versinken! – weit gefehlt. Am Kind sitzen leider viele Teile schon ganz schön stramm und einiges musste ich sogar direkt aussortieren. Wah? Ich glaube ich muss wohl doch schon die ersten Teile in 74 besorgen.. dabei ist sie doch erst 63 cm groß – wie kann das sein?? (Wieso können sich die Babymode-Hersteller denn nicht an den Zentimeter-Größenangaben auch orientieren, wenn sie sie schon verwenden? Grummel.)

 

….an dieser Stelle kam ich nicht mehr zum Weiterschreiben. Seis drum.
Es tut mir leid, dass der Blog derzeit so wenig neue Einträge vorweisen kann. Aber ich komme echt nicht dazu. Es sei denn ich würde meinen Schlaf opfern. Und das will ich nicht – denn wer weiß, wie lange ich ihn noch in so hinreichender Menge bekomme.
Es gäbe viel zu erzählen. Viele, viele Dinge will ich ja schon ewig geschrieben haben, möchte sie aber gern in einer vernünftigen Reihenfolge abfrühstücken und vorher wird auch nichts anderes vorgezogen. Ich hoffe sehr, dass ich es IRGENDWIE demnächst auf die Kette bekomme, denn, ganz ehrlich: das Bloggen fehlt mir und vor allem hat es auch eine Erinnerungsfunktion für mich. Ich merke nämlich, dass ich ganz viele ganz tolle Dinge aus dem Leben mit Maus wieder vergesse, wenn ich sie hier nicht festhalte. Und das möchte ich eigentlich nicht. Also: toi, toi, toi, dass hier bald wieder mehr passiert.

111 Tage ODER: Das schönste Geräusch der Welt.

Sie hat zum ersten Mal laut gelacht.
Bis jetzt war der höchste Ausdruck der Freude ein rein visueller: Weit geöffneter Mund, strahlende Augen, den Kopf vor Vergnügen hin und her werfen..
Das allein war schon hinreißend. Aber jetzt – zum Dahinschmelzen. Dieses fröhlich unbewusst aufsteigende Glucksen, Gackern und Kichern! Ihr eigener verdutzter Blick danach. Und dann ein zweites Lachen.
Mein Mausemädchen. Noch einmal möchte ich sagen: Willkommen auf dieser Welt! Jetzt bist du vollständig. Und ich hoffe, dass dieses dein Lachen von jetzt an täglich hier erklingt! ♥