Fairytale gone bad – Geburtsbericht, Teil 1

Mein liebes kleines Flöckchen, mein Haselbaby,
pass auf, ich möchte dir etwas erzählen. Du wirst meine Worte jetzt noch nicht verstehen, aber ich halte sie hier fest, damit sie nicht verloren gehen, damit ich mich auch in vielen Jahren richtig an alles erinnern kann, damit diese Geschichte vollständig bleibt – denn es ist deine Geschichte.

Wir haben auf dich gewartet; dein Papa und ich und deine Großeltern, Tanten, dein Onkel (der, stell dir vor, mit dir am gleichen Tag Geburtstag hat!), so viele liebe Menschen, die mit uns verbunden sind und bereit, dich in ihre Gedanken und ihr Herz zu schließen.
Am 18. November, drei Tage nach dem errechneten Geburtstermin, an einem Freitagmorgen im Spätherbst (auch deine Schwester ist übrigens ein Freitagskind!), da wachte ich morgens auf und hatte Wehen.
Schon im Halbschlaf hatte ich sie wahrgenommen, aber zunächst ignoriert. In den Tagen davor hatte ich bereits ein paarmal Ähnliches gespürt, immer verschwanden jedoch diese Empfindungen mit dem Aufstehen.
Weil ich aber den Gedanken an die Geburt so schön fand, blieb ich nach  dem Aufwachen noch eine Weile still liegen und spürte die noch sehr moderaten Schmerzen ganz bewusst, streichelte ein bisschen meinen Bauch und dich darinnen und hing meinen Gedanken nach, begann ein wenig auf die Dauer und Abstände der Wehen zu achten.
Und diesmal blieb es, dieses Ziehen im Bauch.
Ich war so glücklich. Ich glaube, in meinem ganzen Leben habe ich mich selten so sehr über etwas gefreut wie an diesem Morgen über die Wehen, die deine Ankunft ankündigen sollten. Ich war ganz ruhig – und gleichzeitig voller wilder Freude, Abenteuerlust und Neugier auf das, was in den kommenden Stunden geschehen würde. Und ich war sicher: das hier ist der Tag. Dein Tag, unser Tag.

Ich rief deine Oma an um ihr zu sagen, dass sie losfahren könne um für die nächsten Stunden für deine  Schwester zu sorgen. Ich sagte deinem Papa Bescheid, dass wir bald ins Krankenhaus fahren würden. Er war irritiert über meine Ruhe und gute Laune, und ich glaube, er war auch ein wenig ängstlich. 😉
Dann ging ich noch ganz entspannt duschen, packte ein paar letzte Utensilien in die Handtasche, trank noch eine letzte Tasse Himbeerblättertee (und zwar wirklich die letzte – damit war mein Vorrat aufgebraucht!) und aß einen Schokoriegel (kein besonders reichhaltiges oder gesundes Frühstück, aber mehr mochte ich nicht).
Die Haselmaus war inzwischen aufgewacht und hopste gut gelaunt durch die Wohnung, die Sonne ging auf, die Oma stand vor der Tür, die Wehen kamen im Abstand von weniger als fünf Minuten. Ich sagte deiner Schwester auf Wiedersehen, wir stiegen ins Auto.
Es war wirklich ein außergewöhnlich schöner Morgen. Wir fuhren über Land, ich sog den Anblick der Felder und Weiden, der Wälder, der kleinen Ortschaften im goldenen Herbstmorgenlicht in mich auf. Alles war so wunderschön, ich hätte weinen mögen.
Wir erreichten das Krankenhaus. Die Wehen kamen im Abstand von 2 Minuten. Wir betraten den Eingangsbereich, stiegen in den Fahrstuhl, fuhren in den vierten Stock, klingelten an der großen Tür mit der Aufschrift „Kreißsäle“.
„Hallo“, strahlte ich die Hebamme, die uns entgegen kam, an, „ich bekomme ein Kind!“
Es war sehr leer und sehr ruhig dort. Sie führte uns in einen der Kreißsäle (Nr. 3), die so wunderschön in Altrosa gehalten und sanft beleuchtet sind, zog ein wenig die Vorhänge zu, fragte nach Dauer und Länge der Wehen, nahm meinen Mutterpass und die Krankenkassenkarte entgegen. Es folgte eine halbe Stunde CTG (das ich lieber im Stehen schreiben ließ, die Wehen wurden langsam doch ein wenig schmerzhafter und waren so leichter zu veratmen) und eine Untersuchung: Gebärmutterhals erhalten, Muttermund weich und fingerkuppendurchlässig. Kind nicht im Becken.
Ich durfte es mir gemütlich machen, dein Papa ging noch einmal das Auto umparken und mich anmelden. Es war elf Uhr.

Die Zeit verging, die Wehen wurden stärker und stärker, ich wurde gefragt ob ich wohl etwas essen möge, aber ich wollte nur Wasser und ganz bei mir sein. Noch immer war meine gute Laune ungebrochen, obwohl die Wehenschmerzen mittlerweile heftig waren. Während einer besonders heftigen Wehe – ich hing gerade über dem Pezziball – machte es „PLOPP“: die Fruchtblase war geplatzt. Ich konnte mich noch eben so aus der Jogginghose schälen, da lief es schon..
Die Hebamme freute sich und ordnete ein weiteres CTG an. Eine erneute Untersuchung ergab: Muttermund vollständig. Aber Kind immer noch nicht im Becken.
Das war der Moment, in dem mir schwindelig wurde und ich dachte, gleich kippe ich um. Plötzlich fühlte ich mich zwei Jahre zurückversetzt.
Das CTG wurde dann im Liegen geschrieben und versetzte mir einen weiteren Tiefschlag. Denn es wurde klar, dass du, mein Mädchen, mit den Wehen nicht so besonders gut zurecht kamst. Assistenzärztin, Hebamme und Hebammenschülerin beratschlagten sich ein wenig und empfahlen mir dann, entweder im Vierfüßler oder in Seitenlage weiter zu machen, in der Hoffnung dass du dich dadurch richtig ins Becken drehen würdest. Eigentlich hätte ich den Vierfüßler vorgezogen, weil die Wehen im Liegen schier unerträglich waren, aber plötzlich fehlte mir die Kraft. Vielleicht hätte ich doch besser frühstücken sollen… oder es war die Vergangenheit, die mich einholte.
Das CTG blieb angeschlossen, mein Kreislauf war im Keller und ich konnte plötzlich nicht mehr als nur da liegen und irgendwie die Wehen, die schnell und heftig kamen, zu veratmen. Dein Papa hielt zwischendurch meine Hand und das tat gut, aber ich spürte, ich spürte, dass da etwas nicht rund lief. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, es nicht länger aushalten zu können. Ich bat um eine PDA. Dabei hatte ich es eigentlich ohne schaffen wollen. Die Hebamme sagte, das wäre kein Problem, aber sie wolle mich vorher noch einmal untersuchen, denn es könne ja sein, dass es jetzt ganz schnell ginge. (Dort im Krankenhaus bekommt man die PDA übrigens wirklich nur auf Wunsch – „Wenn Sie eine PDA wollen, müssen Sie das Wort „PDA“ auch in den Mund nehmen“, hatte mir die Hebamme bei der Geburtsanmeldung gesagt. Fand und finde ich gut so.)
Leider zeigte sich, dass die Geburt tatsächlich nicht voran schritt, du lagst immer noch falsch,  und ich bekam zunächst einen Zugang, dann einen Wehenhemmer und dann meine PDA. Währenddessen tickerte das CTG tapfer weiter, aber die Werte waren nicht gut. Immer öfter prüften Ärztin und Hebamme, ob der  Schallkopf richtig saß. „Ist das das Kind oder die Mutter?“ hörte ich sie mehrmals überlegen, während ich mittlerweile einfach nur noch völlig kraftlos da lag, die Augen geschlossen, und am ganzen Körper bebte und zitterte.
„Das wird wieder ein Kaiserschnitt, oder?“ fragte ich irgendwann leise.
„Abwarten“, sagte die Hebamme.
Aber ich wusste es schon, irgendwo tief drinnen. Man schlug mir vor, über eine Lageveränderung einen Versuch zu starten, das Kind ins Becken zu bewegen. Ein Wehentropf wurde angeschlossen. Ich sollte mich von der linken auf die rechten Seite drehen und anschließend wieder zurück. Es war anstrengend, ich dachte ich würde es nicht schaffen. Das CTG wurde schlechter.
„Der Puls von Ihnen und Ihrem Kind liegt im Moment sehr nah beieinander“ sagte jemand. „Wir können das sehr schlecht unterscheiden, deshalb möchte wir gern eine Elektrode am Kopf Ihres Kindes anbringen, damit es eindeutig wird.“
Ich nickte.
Es brauchte ein Halbdutzend Versuche, bis die Elektrode endlich lag. „Das Kind liegt viel zu weit oben, ich komme nicht dran“ sagte die Hebamme. Die Ärztin versuchte ihr Glück, aber auch sie schaffte es nicht auf Anhieb.
Als sie schon aufgeben wollte, klappte es doch – und das Geräusch des CTGs klang jetzt anders. Keine galoppierenden Pferde mehr, sondern ein lebhaftes Tischtennismatch. „Tock tock tock tock tock tock tock…“
„Ihr Kind braucht eine Pause“ sagte eine der Damen. „Wir machen den Wehentropf erst einmal ab und schauen ob es sich erholt.“
Ich nickte wieder.
Tock tock tock tock tock tock tock.
„Das Fruchtwasser ist mittlerweile grün. Das bedeutet, dass Ihr Kind Stress hat. Leider können wir deshalb nicht ewig so weitermachen..“
Ich nickte.
„Was haben Sie denn selbst für ein Gefühl? Meistens wissen es die Frauen selbst am besten.“
Ich atmete tief durch. Schluckte. „Das wird nichts mehr“, sagte ich ganz leise an dem Kloß in meinem Hals vorbei.
Und dann: „Hauptsache, sie kommt heil da raus.“

 

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10 Kommentare zu “Fairytale gone bad – Geburtsbericht, Teil 1

  1. xayriel sagt:

    Zum Glück weiß ich, dass es gut ausgeht, sonst würde ich dir meine nächste Maniküre in Rechnung stellen 😉
    Bin dennoch gespannt, wie es weitergeht!

  2. Kathi sagt:

    Das klingt berührend. Ich finde es toll, wie sehr du bei dir warst und dein Körper dir gesagt hat, was Sache ist. Und dass das Krankenhausteam so auf dich eingegangen ist!

  3. Juliane sagt:

    Ich hab Gänsehaut. Und Tränen in den Augen. Und… hach…

    ❤️

  4. Anna Dorothea sagt:

    Meine Kinder sind auch beide am Freitag geboren und mein Sohn hat mit dem Papa Geburtstag. 🙂 Schade, dass es schließlich zu einem Kaiserschnitt gekommen ist, das klang am Anfang so entspannt.

  5. So schön und so schlimm so dicht beieinander. Fühle mich sehr an meine erste Geburt erinnert. Mir hilft es immer, daran zu denken, dass ich und mein Großer vor rund 100 Jahren jetzt vermutlich beide schon 5,5 Jahre Geschichte wären. LG Tina

  6. duese sagt:

    … Einfach nur ❤

    • Nenu sagt:

      Sag mir bitte, dass die Mail, die ich gerade mühsam am Handy getippt habe, bei dir angekommen und NICHT im Datennirvana gelandet ist 😖😖😖😭😭😭 In meinem „gesendet“-Ordner ist sie nämlich NICHT…

      • duese sagt:

        😔 Nein, leider nicht 🙈
        Oh man… ich kenne das… sowas passiert mir auch sehr gerne 😬 Das ist zum Mäusemelken.
        Steckt sie vielleicht in einem Entwurf? 🤔
        Ansonsten mach Dir bitte keinen Stress… ich höre von Dir, wenn ich von Dir höre. ❤

        • Nenu sagt:

          Ach, MIST 😭😨😫
          Nein, bei den Entwürfen hab ich auch schon geguckt, da ist sie auch nicht. Diesmal hatte ich entgegen meiner Abneigung am Handy getippt und jetzt ärgert es mich doppelt und dreifach 🙈

          Vor allem hasse ich es wenn ich etwas zweimal schreiben muss 🙈😂

          Na gut, dann hoffentlich irgendwann die Tage nochmal.. aber auf jeden Fall schon mal DANKE fürs Päckchen – die Plätzchen sind schon vernichtet, sie waren KÖSTLICH! ❤😘

          • duese sagt:

            Ohman, sowas ist so ärgerlich… ich fühle mit Dir.
            Jaaaa… und vor allem kriegt man es gefühlt beim 2. Mal nicht mehr annähernd so gut hin wie beim 1. Mal 🙈😂

            Das freut mich sehr! 😊❤

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